Interview mit Gemeindegliedern der ersten Stunde

Pfarrer Wagner (PfrW) befragte Gemeindeglieder über ihre Erlebnisse in der Stephanusgemeinde. Das Gespräch mit Frau Bambowski (FB), Herrn Bambowski (HB), Herrn Häberle (HH) und Frau Seeger (FS)  wurde von Frau Mörk-Grunwald aufgezeichnet

 

 

PfrW: Frau Seeger, Sie sind eine alte Cannstatterin, was sind Ihre Erinnerungen an die Entstehung der Stephanus-Gemeinde?
FS: Die Stephanuskirche ist aus der Lutherkirche, die sehr groß war, entstanden. Ich wurde 1939  in der Lutherkirche konfirmiert,  mit 82 Konfirmanden. Meine Hochzeit wurde 1950 in der Stadtkirche gefeiert zusammen mit der meiner Schwester.
HH: Ich kann mich noch gut an die Entstehung der Stephanusgemeinde erinnern. Pfarrer Müllerschön forcierte die Trennung des 4. Bezirks von der Lutherkirche. Das Pfarrhaus wurde 1952 für ihn erbaut, daneben das Gebäude mit Kindergarten und Gemeindesaal. Unser ältester Sohn wurde im Gemeindesaal getauft.
Die neue Stephanusgemeinde zählte ca. 4000 Mitglieder.
FB: Wir sind 1956 in die Stephanus-Gemeinde gekommen, unsere Tochter wurde ebenfalls im Gemeindesaal getauft.


PfrW: In dieser Zeit sind wohl viele Menschen nach Cannstatt in die Stephanus-Gemeinde gekommen?
HB:Durch den Krieg kamen viele Menschen, auch Flüchtlinge, die Arbeit suchten.
HH: Eine große Siedlungstätigkeit begann.
FS: Dort,  wo früher Gärten waren, entstanden Wohnhäuser und auch die Kirche.
FB: Der Gottesdienst war  immer sehr gut besucht. Beim Weihnachtsgottesdienst war die Kirche brechend voll, es mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden.


PfrW: Können Sie sich noch an die Pfarrer in der Gemeinde erinnern?
HB: Pfr. Müllerschön war der erste Pfarrer, er war ein  sehr energischer Mensch und ein guter Prediger.


PfrW: Viele seiner Predigten wurden als Buch herausgegeben.
HH: Unter Pfr. Müllerschön wurde der Stephanus-Gemeindeverein  gegründet, der die Mittel für die Finanzierung des Kirchbaus aufbringen sollte.
FB: Frauen aus der Gemeinde sind in die Häuser gegangen, um Mitglieder zu werben und Spenden für den Kirchbau zu sammeln.
HH:  Pfr. Müllerschön brachte den Slogan auf: „D‘ Kirch‘ braucht Geld!“  Er legte auch Wert auf eine gute Orgel, die schon sehr früh angeschafft wurde. Auch hierzu musste der Gemeindeverein viel beisteuern.


PFrW: Der Gemeindeverein bestand am Anfang aus 100 Mitgliedern.
Nach Pfr. Müllerschön  kam Pfr. Stegmeier, ein ehemaliger Missionar, der aus China kam , und  der auch danach wieder als Missionar tätig war.
HH:  Der nächste Pfarrer war Pfr. Schmid , er tat viel für die Erwachsenenbildung. Er organisierte Reisen mit dem Kirchengemeinderat nach Frankreich und Ausflüge mit Gemeindegliedern.
Pfr. Geiling folgte. Er war eine sehr dominante Persönlichkeit mit viel Humor und hatte eine direkte lebendige Art. Er empfahl seiner Gemeinde, den Sammelkasten nicht so laut zum Klingen zu bringen, sondern „leise“ zu opfern (Geldscheine!).
Pfr. Seibert wurde als Jugendpfarrer zusammen mit Pfr. Geiling eingesetzt. Er war sehr gefühlvoll und zurückhaltend  und engagierte sich sehr für die Jugend.


PfrW: Dann waren da noch Pfr. Becker, Pfrin. Junkermann und Pfr. Hauff. Ich selbst kann inzwischen auf 14 Jahre in der Gemeinde zurückblicken. Wenn Sie zurückblicken, welches Ereignis kommt Ihnen spontan in den Sinn?
HB:  Mich hat das Aufhängen der Glocken im Glockenturm beeindruckt.
HH:  Ich durfte beim Gießen der Betglocke dabeisein, die vom Baugeschäft Stephan gespendet wurde.
FB: Während des Baus der Kirche kamen zwei Kinder aus unserer Nachbarschaft ums Leben. Sie waren den Hang zu den Gleisen bei der S-Bahn hochgeklettert, um einem Hubschrauber bei der Landung auf dem Krankenhausgelände zuzusehen. Dabei wurden sie von einer S-Bahn erfaßt. Das Rettungspersonal fand nur ein Kind, aber Bauarbeiter, die das Unglück vom Gerüst am Turm aus gesehen hatten machten sie auf das zweite Kind  aufmerksam.
FS: Im März 1987 wurde Anja Aichele, ein junges Mädchen aus der Gemeinde in den Weinbergen ermordet. Die Gemeinde reagierte sehr betroffen und nahm an einem Trauermarsch teil.

Das waren sehr traurige Ereignisse. Wir haben aber auch viele schöne Gemeindefeste gefeiert.
HH: Ich freue mich über die schöne Kirche und erinnere mich daran, wie der Kirchturm stetig in die Höhe wuchs, obwohl der Bau der Kirche noch gar nicht offiziell genehmigt war. Tag und Nacht wurde am Turm gearbeitet. Mit der Technik der Gleitschalung wuchs er schnell. Selbst  am Wochenende musste weiter betoniert werden. Das löste Diskussionen um die „Sonntagsarbeit“ aus.
Der Turm war übrigens 1 m höher geplant, jedoch war der Kran nicht hoch genug, um den Beton nach oben zu bringen.
Ein Architektenwettbewerb hatte für das Architekturbüro Rall und Röper aus Güglingen entschieden, dessen Entwurf modern und etwas eigenwillig war. Die Kirche sollte ein Zeltdach erhalten. Das Urteil einiger Gemeindemitglieder: „Das sieht ja aus wie ein Stall!“ 
FS: Auch an den Glockenturm, der daneben steht, den „Campanile“, musste man sich erst gewöhnen.
HH:  Der Entwurf für das Kreuz im Giebel war vielen zu „katholisch“, aber Pfr. Müllerschön setzte sich hier  glücklicherweise durch.
Spätere Versuche, das Kreuz auch beim Weihnachtsgottesdienst mit künstlicher Beleuchtung von außen zum Strahlen zu bringen, schlugen bisher fehl.


PfrW: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft unserer Gemeinde?
FS: Ein gutes, fröhliches Miteinander von Jung und Alt.
FB: Menschen, denen die Kirche etwas bedeutet.
HB: Eine offene Kirchengemeinde.
HH: Eine Kirche, die mit Leben gefüllt ist.  

 

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